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Der Trinker

»Verrufen« ist kein angemessener Ausdruck und dennoch fällt mir kein besserer ein, um seinen Bekanntheitsgrad in unserem Dorf zu beschreiben. Kein Fest ließ er aus, und an jedem Abend war es ein Leichtes, ihn zu finden, musste ich lediglich die paar Schritte über den Hauptplatz zur Weinstube gehen. Inmitten einer Gruppe lustiger Bauern und Schwätzer gab er seine Geschichten zum Besten und leerte ein Glas nach dem anderen, ohne dass ihm irgendetwas anzumerken gewesen wäre. Den Landesrekord, wie sie es nannten, hielt er seit Jahrzehnten, denn niemand konnte auch nur ansatzweise mit ihm mithalten, wenn er literweise Wein und sogar Schnäpse soff. Gewettet wurde schon lange nicht mehr und so war es den Burschen des Dorfes einfach nur ein Spaß mitzuerleben, wie er noch immer mit fester Stimme erzählte und lachte, während sie selbst kaum mehr den Boden unter den Füßen wahrnahmen, sei es, weil sie in ihrer Trunkenheit jedes Gefühl in den Beinen verloren hatten oder schon mit ihrem persönlichen Abschlussglas auf die Erde gekippt waren.
Von seinen Eskapaden hatte ich nie etwas gesehen, doch erzählte jeder im Dorf weiter, was er am Vortag in der Schenke gehört hatte und von den seltsamen Gewohnheiten des Trinkers, wenn er gerade nicht bei uns weilte und mit den andern scherzte. Anfänglich, hatte ich erfahren, war es ihm lediglich langweilig geworden, immer nur flüssige Getränke zu sich zu nehmen und dann nicht das Geringste des enthaltenen Alkohols zu verspüren, mit dem er seine Mittrinker längst reihenweise niedergesoffen hatte. So verstieg er sich darauf, anderes zu probieren. Früchte zuerst, wie sie auf den Äckern wuchsen, dann Knollen und verschiedene Gemüse, da er Furcht hatte, sich zu übernehmen, wenn er allzu rasch wechselte. Um Früchte und Gemüse tatsächlich trinken zu können, hatte er einen ganz speziellen Trinkhalm gebastelt, den er, wenn er sehr gut aufgelegt war, schüchtern und verstohlen herzeigte, und zwar niemals im Wirtshaus, sondern immer auf einem kleinen, versteckten Feldweg und nur jenen Personen, die er für besonders vertrauenswürdig hielt.
Mit den härteren Geschäften, wie er es nannte, hatte er begonnen, als ihm der Konsum dieser doch weichen und sehr saftreichen Lebensmittel allmählich billig erschien und eine Stillung seines immer unersättlicher fordernden Durstes nicht in Sicht war. Es ging das Gerücht, dass eine Buche, an deren Stamm er sich gelehnt hatte, um etwas auszuruhen, den Anfang machte. Eher spielerisch denn überzeugt hatte er den Halm an die Rinde gelegt und daran gezogen, weil ihm eben nichts Besseres in den Sinn kam. Etwas erstaunt über den unerwartet süßen Geschmack hatte er schließlich so lange daran gesaugt, bis von der Buche nichts mehr übrig war und er dem Besitzer jenes Fleckens zwei Tage später verlegen erklären musste, was aus seinem fünfzigjährigen Baum geworden war, der noch dazu, inzwischen in mehr als zwei Metern Höhe, ein Herzchen und die geritzten Namen des Besitzers selbst und dessen erster Liebe getragen hatte.
Danach entstanden jene Geschichten, die sich mit der Zeit zu den Mythen unseres Dorfes entwickelten. Laternen am Beginn der Dämmerung zu trinken zählte noch zu den einfachen Übungen, denn viel lieber machte er sich an den Dachziegeln der Häuser zu schaffen, schlürfte gerade so viel weg, dass er mit einem Auge in die Schlafzimmer lugen und das mitunter bunte Treiben darin beobachten konnte, so lange, bis die Hausbewohner ihm auf die Schliche kamen und ihn unter Androhung schwerer Prügel vertrieben und nur dann, wenn dies nicht gelang, einfach keinen Sex mehr miteinander hatten. Mit besonders dreistem Spaß trank er die Mützen und Hüte seiner Mitmenschen, wenn diese ihm Ärger bereitet hatten oder auch völlig überraschend seinen Weg kreuzten. Als von einem der Höfe nächtens ein Kettenhund verschwand, sprachen viele sich dafür aus, ihn für immer aus unserer Gegend zu vertreiben, doch soweit ich mich erinnere, konnte niemals bewiesen werden, dass tatsächlich der Trinker hinter dem Verschwinden des Tieres stand.
Während seiner allabendlichen Auftritte in der Weinstube gefiel es ihm, vom Genuss zahlreicher exotischer Getränke zu berichten, angefangen vom Rohrspatzenteich im benachbarten und längst leer stehenden Herrenschloss über elektrische Weidenbegrenzungsdrähte und modrige Bootskiele hin zur stolzen Lokomotive des Heimatmuseums, deren tiefatmiges Schnaufen den meisten der Bauern noch aus der Kindheit in guter Erinnerung war. Sein großer Traum, der flugs zu einem zentralen Lebensziel mutierte, erwachte allerdings, als er in den abendlichen Stunden eines fröhlich verbrachten Sommertages den Trinkhalm zum Himmel drehte und mit einem tiefen beherzten Schluck eine satte Kumuluswolke vom Firmament sog. Sein großer Traum, erzählte er mit ganz glasigen Augen und einer Stimme, die Mühe hatte, nicht in sprachlose Verzückung zu geraten, bestand darin, sich eines Tages so viel Zeit zu nehmen, dass er den Vollmond der klaren Nächte vom nördlichen bis zum südlichen Pol, ohne auch nur ein einziges Mal abzusetzen, austrinken konnte. Danach würde er sich hinsetzen, die Augen schließen und, während er auf ein erfülltes Leben zurücksah, darauf warten, ob das Mondlicht regenerierte.
Ein paar Tage später verschwand er, ohne sich verabschiedet zu haben, und alle rätselten, wo er sich wohl herumtrieb. Mit der Zeit wurden die Fragen nach dem Trinker jedoch seltener, bis sie gänzlich verschwanden und nur mehr die Burschen in der Weinstube aus ihrer Erinnerung an die unmöglich zu gewinnenden Wetttrinken plauderten. Der Alltag war vielleicht etwas fahler geworden.
Doch jedes Mal, wenn wir Vollmond hatten, setzte ich mich auf die Türschwelle und suchte an den Rändern des Mondes nach einem dünnen Halm, einem Strich nur im Dunkeln, an dessen anderem Ende der Trinker säße, der uns vor langer Zeit verlassen hatte, um sich einen Traum zu erfüllen. Über die Tage würde er kein einziges Mal absetzen, bis aus dem abmagernden Kipferl ein Neumond wurde, der ihm erlaubte, die Augen zu schließen und das Wachsen eines neuerlichen Vollmondes abzuwarten.

(in: Lose, Edition Nove, Neckenmarkt 2007)