Auf der Kippe

Dieses Buch enthält Kurzprosa. Das Besondere daran: Jede Geschichte besteht aus einem einzigen Satz. Dieses Buch ist gebunden, als Taschenbuch sowie als E-Buch erhältlich.

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abendlich

Ganz still musste es sein, die Lampen ausgeknipst, bis auf die eine, die den Tisch erhellte, wo er, geradezu heimlich, weil niemand davon wusste, die Bücher stapelte, die zuvor noch im Regal gestanden, und er setzte sich nieder, rückte mit dem Stuhl ganz nah zur Tischkante und vergrub das Gesicht in den Handflächen, um zu verschnaufen und sich auf das, worauf er sich den ganzen Tag gefreut hatte, vorzubereiten, er atmete tief ein, schloss die Augen und öffnete sie wieder, nahm die Hände vom Antlitz und wandte sich dem Stapel zu, der, wie er schmunzelnd meinte, im Grunde doch nur eine Menge Papier anhäufte, doch dieses Papier, wovon er so viel besaß, lag ihm sehr am Herzen, immer noch, nach den vielen Jahren, während der kaum eine Stunde Zeit zum Lesen oder gar zum Schmökern gewesen war, er öffnete den Deckel des zuoberst ruhenden Buches, strich mit den Fingern über das Papier, fühlte die sacht eingedrückten Vertiefungen des Druckes, blätterte weiter und führte, in einem Augenblick momentaner Sinnlichkeit, den Band zur Nase und roch daran, schnupperte, als gälte es, das längst verloren Geglaubte wiederzuerkennen, sich in die Tage zwischen Studium und Lektüre zurückzuversetzen, aber dann legte er das Werk neben die anderen, zog ein dünnes Bändchen aus dem verbliebenen Stoß, die lyrische Jahressammlung eines der Renommiertesten, dessen Texte er hin und wieder hervorkramte, um darin zu versinken und den Zwängen, die sich über die Jahre aufgebaut hatten, zumindest für einen Wimpernschlag zu entfliehen, und abermals lächelnd wendete er Seite um Seite, sprang ganz nach hinten und wieder vor, denn es gefiel ihm, der plötzlichen Eingebung seiner Empfindungen nachzugeben, Sätze entlangzuschreiten und an einem bestimmten Wort hängen zu bleiben, sich zurückzulehnen und den Gedanken freien Lauf zu lassen.

aufmerksam

Nur zum Spaß halte er Ausschau nach Geschäftsleuten, eingeschnürt in knallhartes Kragenhemd mit Streifsakko und als Mascherl ein gordischer Krawattenknoten, immerhin wähne er nicht nur sich selbst verrückt, sondern wisse, dass diese Stadt ein unbändiges Gespür zur Brut von schrägen Geistern habe, und so klammerte er sich am Türpfosten fest, schnellte mit dem Kopf einmal vor und pendelte danach zwischen Passage und Gasse, um den Fluss der Fußgänger zu beäugen, besonders deftige Exemplare herauszufischen und dem Mikroskop seiner nimmersatten Neugier zuzuführen, er habe schließlich ein Recht darauf, den Vorgängen in seiner Nachbarschaft auf den Zahn zu fühlen, verrieten sie doch Gemeines, das nicht nur für ihn, sondern den gesamten urbanen Verwaltungsapparat von Bedeutung sei, dabei denke er gerade einmal an die Auswirkungen auf eine Reihe von Gebührensätzen, aber er sei durchaus bereit, sein eigenes Feuer, das im Herzen ungeschlacht loderte, hintanzustellen, das heißt: auszudämpfen, bis nur mehr winzigste Flämmchen es wagten, ihr Licht aufzublenden, damit Berufenere die Vorlage aufgriffen und ihre eigenen Schlüsse zögen, wiewohl diese kaum einen Millimeter von seiner beizeiten auf einer Serviette formulierten Analyse abweichen dürften, versicherte er, rümpfte die Nase und sprach anschließend von der Gruppe der Jungen, der Studenten, die sich durch ganz typische Schrittlängen (und nicht etwa die Trinkgewohnheiten) bemerkbar machten, von denen er selbstverständlich jede einzelne genauestens examiniert und verinnerlicht habe, um, sofern ein behördlich ermächtigtes Gremium ihn dazu aufforderte, Bericht zu erstatten, was seiner selbstgewählten und in keinem Lexikon der Welt vermerkten Tätigkeit eine goldene Krone aufsetzte.

augenzwinkernd

Weil es so viel Aufsehen erregte, wenn ich mit beiden Nasenflügeln ähnlich einem Landpferd, das seine Nüstern aufbläst, vibrierte und die Luft in regelmäßigen Stößen, welche mein Umfeld augenblicklich zum Totlachen brachten, auspfiff, um den Kellner davon zu überzeugen, wie viel vernünftiger es wäre, die Zeche wie bereits in den vergangenen Tagen anzuschreiben und unsere Gruppe von hinnen ziehen zu lassen, damit nächtens, beim Mitternachtsgeläute der großen Kathedrale, das prachtvolle Schauspiel abertausender funkelnder und glitzernder Sterne, die mehr als zufällig über das Rückgrat des nun von der Tageshetze ausruhenden städtischen Firmaments sprühten, genug nüchterne Augenpaare als Antipoden vorfände.

beschlossen

Unmerklich kroch ein feines Erschauern in den Raum, über die frisch gebohnerten Fliesen, das Mahagoniholz der Möblierung und die säuberlich bereit gelegten Notizblöcke in die Körper der Männer, denn es war eine reine Männergruppe, sogar die Sicherheitsberaterin war dem Treffen ferngeblieben, alle Anwesenden empfanden die frische Kälte, die lediglich in ihren Köpfen existierte, hatte die Haustechnik doch extra eingeheizt, um den Herren jegliches Unwohlsein tunlichst zu ersparen, jedenfalls räusperte sich der Verteidigungsminister, holte das leichte, aber unmissverständliche Nicken des Präsidenten ein, zögerte ein paar Sekunden und legte den ungebrauchten Kugelschreiber, dessen Stift er ohne es zu merken in einem fort hinein- und herausgedrückt hatte, neben das Papier, um ihn mit den Fingerspitzen parallel zur Kante auszurichten, bevor er auf die Landkarte zeigte, die auf eine völlig fleckenlose Wand projiziert war, einen Bogen von Norden nach Süden beschrieb und erklärte, dass die Bomber in großer Höhe zirka eine Dreiviertel Stunde für den Überflug benötigten.


Rezensionen

In einem Satz auszudrücken, was man sagen will, bedarf sowohl Disziplin als auch Virtuosität. Einerseits ist ein Satz eine sehr kurze Ausdrucksform, andererseits kann ein Satz von einer gewissen Länge verblüffend vieles ausdrücken, wenn er wie hier verwendet wird. Der lange Satz eignet sich zum Philosophieren und zum Geschichten erzählen gleichermaßen. Der lange Satz kann so der Form der Kurzgeschichte sehr nahekommen, muss sich aber doch stets auf die Möglichkeiten beschränken, die ein einziger Satz als Ausdrucksform anbietet.

(...) Da es sich um ein Zwischending von Lyrik und Prosa handelt, geht es bei einem Teil der Texte mehr um den Aussagewert, bei den anderen mehr um Poesie. Ironie spielt bei vielen dieser Sätze eine große Rolle. Diese Ironie ist ihrerseits wieder doppelbödig, weil es nicht immer klar ist ob es sich tatsächlich um Ironie handelt. Manches, was man für Ironie hält, könnte durchaus so gemeint sein, wie es scheint, und anderes voller Ironie sein, was man für ernst gemeint hält.

Es wird also in vieler Hinsicht ein Spiel mit dem Leser gespielt, auf das er sich einzulassen bereit sein muss.

(...) Die präzise, detailgenaue Sprache, die abwechslungsreiche Thematik und sogar das Spiel mit dem Leser macht »Auf der Kippe« zu einem anspruchsvollen Lesevergnügen, das schon mit der Frage beginnt, was mit dem Titel gemeint ist. Auch dazu gäbe es mehrere Interpretationsmöglichkeiten.

Bernhard Heinrich
Österr. Schriftsteller/innen/verband Online, Wien 2020
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(...) Einen solch kostbaren Moment thematisiert auch gleich der erste Text des Bandes, »abendlich«, in dem ein Mann sich im Schein einer Tischlampe heimlich über einen Stapel Bücher hermacht, für die er sich ein wenig Zeit gestohlen hat. Er atmet das Papier förmlich ein, schnuppert daran, um schließlich genussvoll wie in ein wohliges Bad in einen Gedichtband einzutauchen und seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Die ganze Szene erstreckt sich über gut eine Buchseite, besteht nur aus einem einzigen Satz und erlaubt kein Innehalten. Trotzdem ist es ein natürlicher und melodischer Redefluss, dem man als LeserIn gerne folgt, auch ohne völlig atemlos am Ende anzukommen.

(...) Meine Empfehlung ist, das Buch tatsächlich zu lesen wie ein kleines Lexikon, an Überschriften hängenzubleiben, in Sätze einzutauchen, die Aufmerksamkeit schweifen zu lassen und jene Bilder zu finden, die spontan berühren und zum Weitderdenken anregen.

Sabine Schuster
Literaturhaus Wien 2011
(Link zur vollständigen Rezension)


Der Wiener Autor Klaus Ebner studierte Deutsche und Romanische Philologie. Philologie ist das altgriechische Wort für die „Liebe zum Wort“. In diesem Werk ist diese Liebe zu spüren, doch widmet sich Ebner nicht einfach nur dem Wort, sondern einem ganz besonderem Wort, nämlich dem Adjektiv, dem Wie-Wort, wie man es den Volkschülern hier zu Lande verdeutscht.
Dieses Buch ist für Anfänger oder als Geschenk zur Lesemotivation nicht geeignet, widerspricht es doch der herkömmlichen Annahme, Kurzgeschichten lesen sich leichter. Es ist jedoch ein Kleinod für Wortliebhaber, die mit der Freude an der Sprache hier ihr Auslangen finden. Vielleicht betitelt Ebner gerade deswegen dieses Buch »Auf der Kippe«, weil pure Konzentration (!) und Verdichtung (!) vorliegt …

Ingrid Reichel
Etcetera online, St. Pölten 2009


Ein wesentliches Merkmal von Kurzprosa ist, dass sie kurz ist. Trotzdem werden jene charmanten, kaltschnäuzigen, verdichteten oder auch nur skizzenhaften Texte, die sich entschieden nicht um Ausführlichkeit bemühen, allzu gerne als halbe Portionen angesehen. Aber ehrlich: Was kümmert es den Leser – und damit auch den Rezensenten –, ob der unausführliche Autor nur einen kurzen Atem hat? Oder ihn aufspart für den großen ganzen Roman, den langatmigen? Was soll das heißen, wenn es wieder einmal heißt: Davon hätten wir gerne mehr gelesen? Mehr gibt’s nicht! Fragen Sie Klaus Ebner. Sein jüngstes Buch namens Auf der Kippe ist der beste Beweis dafür. Ebners Texte präsentieren sich als schlichte Miniaturen eines Erzählers, der gerne schnell zum Punkt kommt. Da legt einer den Finger auf den Erzählfaden, zieht die Schleife drum herum und schon ist wieder ein eindrucksvolles Paket verpackt, oder besser: ein Paket von Eindrücken.

(...) Da ist das Kind, das zum ersten Mal beim Friseur sitzt, der Vater, der seinen Kleinen das Wort Sperma zu erklären versucht, der Mann, der mit Nachdruck erläutert, warum die Idee, Männer würden Sex und Liebe voneinander trennen, nur von einer Frau stammen kann, und ein anderer, der das himmelschreiende Unrecht seiner Scheidung gen Himmel schreit. Ohne eine Antwort zu bekommen, versteht sich. Aber mit Inhaltsangaben ist Ebners nachdenklichen Kurzstreckentexten nicht beizukommen. Es sind der nachdrückliche, aber unaufgeregte Tonfall, der ruhige, musikalische Stil, die schlichte Konsequenz, mit der der Finger auf Wunden gelegt wird, ohne darin zu wühlen, die diese Texte besonders machen. Und das Selbstbewusstsein ihrer Kürze.

Hermann Götz
Schreibkraft Heft 18, Graz 2009
(Link zur vollständigen Rezension)


(...) Sprachliche Präzision und ausgeprägtes Formbewusstsein (ob hier die romanische bzw. romanistische Ader des Autors durchbricht?) charakterisieren Ebners Prosa. Die oft in indirekter Rede gestarteten Bandwurmsätze mit Hang zur Groteske lassen kaum ein aktuelles Thema unseres Alltags aus, von der Ausländerfrage bis zur ehelichen Treue.
Den Anfang macht nicht zufällig die Beschreibung des abendlichen Rituals eines Lesenarren, eines Menschen, der Bücher mit allen Sinnen auf- und wahrnimmt. Viele Texte sind sozusagen alltagsanthropologische Betrachtungen, die über den Betrachter so viel aussagen wie über das Objekt seiner Neugier.

(...) Besondere Aufmerksamkeit erregt in der aktuellen Situation globaler finanzieller Zusammenbrüche ein Text zu den Geldnöten des einfachen Mannes im Kontrast zu den großen Worten jener, die niemals die Zeche zu bezahlen haben. (...)

Vaterschaft und Scheidung sind dem Autor ebenfalls einige bissige Zeilen wert. Bedenkenswert ist ein Text über die Pflicht zur Genauigkeit in der Sprache, auch einem Kind gegenüber.
Genauigkeit in der Sprache ist es auch, was diesen Prosaband auszeichnet. Die eingangs beschriebene Ein-Satz-Strategie Ebners erfordert konzentriertes Einlesen. Dann steht aber einem anregenden und überaus vielfältigen Leseabenteuer nichts im Wege.

Wolfgang Ratz
Literarisches Österreich 2008/2, Wien


Bestellung

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Die Erstausgabe des Arovell-Verlages ist vergriffen.


Covergestaltung:

Die Buchdecke wurde von Klaus Ebner unter Verwendung eines Bildes von Gerd Altmann auf Pixabay (www.pixabay.com) gestaltet.

(Die Buchdecke der Erstausgabe von Arovell wurde vom Verlag unter Verwendung eines Bildes von Paul Jaeg gestaltet.)