Wortspieler

Samuel Becketts Suche nach der verlorenen Sprache

Samuel Beckett ist insbesondere für jene Literatur bekannt, die er französisch schrieb. Als Ire schrieb er aber ebenso auf Englisch, und er übersetzte viele seiner Werke in die jeweils andere Sprache. Becketts in mehrerlei Hinsicht ambivalentem Verhältnis zur Sprache geht dieser Essay auf den Grund. (Der Anhang zum Buch enthält Literaturhinweise und Quellenangaben.)

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BuchcoverDu côté de chez Sam

Am Beginn der literarischen Laufbahn steht ein Essay zu Marcel Proust und dessen Jahrhundertroman À la recherche du temps perdu. Manche der Biografen meinen, Beckett hätte darin seine persönliche Poetik postuliert. Das Buch beginnt mit den enigmatischen Worten »The Proustian equation is never simple.« [Proust, 11]. Diese Worte abwandelnd könnte man sagen, auch die beckettsche Gleichung ist niemals einfach, denn es gilt:

Samuel Beckett
= anglo-irischer Schriftsteller
= französischer Schriftsteller

Zwei Aussagen, widersprüchlich in direkter Gegenüberstellung, drücken zwei Realitäten aus, die Realitäten einer einzigen Person. Samuel Beckett ist mit seinem französisch geschriebenen Werk am besten bekannt, denn in dieser romanischen Sprache entstanden die Hauptwerke (obwohl mir der Begriff des Hauptwerkes in retrospektiver Betrachtung des gesamten Œuvres ganz und gar untauglich und insbesondere ausschließlich am Publikumserfolg gemessen erscheint). Als Ire englischer Muttersprache schrieb Beckett natürlich auch englisch, besonders in den Anfängen und in den beiden letzten Lebensjahrzehnten, wodurch der Eindruck entstehen könnte, die englische Muttersprache umrahme die französischen Lebenserfolge. In mein persönliches Blickfeld geriet, wie bei vielen literarisch Interessierten, zuerst das französische Theater, deutlich später gefolgt von der Prosa. Dass der während meiner Schul- und Studienzeit noch lebende Autor Ire war, nahm ich damals im besten Fall als nebensächliches Kuriosum wahr.

Manche Lebensabschnitte zeigen Beckett als einen Sprachüberläufer, andere als einen durch und durch zweisprachigen Autor. Er war jedoch kein Flüchtling. Kein wirtschaftliches Ungemach hatte ihn gezwungen, sich in einem fremden Land niederzulassen. Und noch weniger verlangten andere äußere oder gar persönliche Umstände von ihm, als Schriftsteller auf eine andere Sprache zu wechseln.

(…)

Parole disparue

In der letzten Schaffensperiode wurden die Romane selten, Becketts letzter umfangreicher Prosatext war Comment c’est 1961. Die zweite Romantrilogie aus den Neunzehnachtzigern, Company/Mal vu mal dit/Worstward Ho ist vom Umfang her kein Vergleich mehr – diese drei Romane umfassen zusammen nur knapp über hundert Seiten. Neben den kürzeren Erzählungen verfasste Beckett vor allem Theaterstücke, Hörspiele und Fernsehproduktionen. Dialoge und Monologe drücken Eventualität und Negation aus, sie arbeiten mit entsprechenden Füllwörtern, teils umständlichen Einleitungen und impliziten Distanzierungen der Sprecher vom Gesagten. »Nommer, non, rien n’est nommable, dire, non, rien n’est dicible ...« [Nouvelles et Textes pour rien, 190] (»Benennen, nein, nichts ist benennbar, sagen, nein, nichts ist sagbar ...«) klingt geradezu programmatisch. Dass die gesprochene Sprache an Bedeutung verliert, verrät die Tatsache, dass manche Stücke und vor allem TV-Produktionen fast ausschließlich oder tatsächlich durchgängig aus Regieanweisungen bestehen. Quad ist ein glänzendes Beispiel dafür: Diese TV-Produktion gibt optische Eindrücke von Bewegung und hat viel mit geometrischen, also mathematischen Überlegungen zu tun; aber das, was man von Literatur erwartet, fehlt hier gänzlich. In den Hörspielen wurden Musiksequenzen gleichbedeutend mit dem Redetext eingearbeitet, wodurch auch sie sich von der herkömmlichen Art eines Hörspiels entfernten.

(…)


Rezensionen

Anhand des englisch, französisch und zuweilen (etwa in Briefen) deutsch schreibenden Samuel Beckett nähert sich Ebner, der selbst bilingual tätig ist, dem uralten Phänomen von mehrsprachig arbeitenden Literaten und Literatinnen. (…)

»Der Wechsel ins Französische« erfolgt »sehr langsam, sozusagen schleichend.« Da einmal ein Gedicht in diesem Idiom, dann wieder ein kurzer Text. Wie so oft, bedarf es eines einschneidenden Ereignisses, um die Weichen zu stellen. Bei Beckett ist es ein Überfall 1938 in Paris, bei dem er schwer verletzt wird. (…)

Der kluge Essay greift noch viele andere Aspekte auf: etwa Becketts Freundschaft mit James Joyce, dessen Einfluss und Becketts Abnabelung (Joyce: work in progress; Beckett: work in regress); die unterschiedlichen Ausdrucksmöglichkeiten im Englischen und Französischen; oder die Problematik der Selbstübersetzung. Es ist ein lesenswertes Buch über Beckett, seine Sprache und die Art, wie er sich mit beeindruckender Perfektion »in eine Jahrtausende alte Tradition« von mehrsprachig Schreibenden einfügt.

Eva Holzmair
Podium 197/198, Wien 2020, S. 151 f.
ISBN 978-3-902886606 – www.podiumliteratur.at


Bestellung

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Covergestaltung

Die Buchdecke wurde von Klaus Ebner unter Verwendung eines Bildes von Comfreak auf Pixabay (www.pixabay.com) gestaltet.